Die Gothaer Synagoge lebt.
Fassadenprojektionen am Ort der Zerstörung

inklusive des partizipativen Teil-Projekts „Vokabeln zur jüdischen Kultur“ mit Gothaer Schülerinnen und Schülern

Performance verschoben auf Ende Oktober 2021
Altstadtforum (Gartenstraße / An der Synagoge)

 

 

Anfang des 20. Jahrhunderts gehört die Gothaer Synagoge zum stolzen Teil der altehrwürdigen Residenzstadt, wird als Sehenswürdigkeit beworben, mitunter auf Augenhöhe mit Schloss Friedenstein. Der 11. Mai 1904 wird zum Zeichen für die „Toleranzleistung Stadt“: Als nach jahrzehntelangen Bemühungen die prachtvolle Synagoge feierlich eingeweiht wird, geschieht dies bemerkenswerterweise im Beisein des Staatsministers, des Oberbürgermeisters, des Oberhofpredigers sowie den Vorstehern der beiden großen christlichen Kirchen. Heute erleben wir in Thüringen mit der neuen Tora-Rolle für die Jüdische Landesgemeine, finanziert von der evangelischen und katholischen Kirche, wieder solch ein Zeichen des interreligiösen Dialogs.

1938, in der Nacht der staatlich organisierten Novemberpogrome, wird das prachtvolle Gebäude, 34 Jahre lang verankert mitten in der Stadt, geschändet und in Flammen gesteckt. Die Feuerwehr bewacht das Niederbrennen. Wenige Monate später beginnt der Abriss der Trümmer – auf Kosten der jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder inhaftiert und deportiert werden.
Nach dem Krieg spielen Kinder auf der Brachfläche zwischen baulichen Überresten der „Syna“, ohne zu wissen, was damit gemeint ist. Später werden Parkplätze geschaffen, dann ein Supermarkt, in „Wohnscheiben“ hausen Menschen. Nach einem halben Jahrhundert des Vergessens wird 1988 ein Denkmal gesetzt. Nach dessen vorübergehenden Entfernung ist es seit Ende 2020 in neuer Gestaltung Teil des Fachmarktzentrums „Altstadtforum“. – Zeitschichten einer Stadt.
 

 

Die Wirkmächtigkeit der systematischen Auslöschung jüdischen Lebens durch das NS-Regime ist spürbar bis in die Gegenwart. Die Fassadenprojektion „Die Gothaer Synagoge lebt“ macht wieder sichtbar, was unsichtbar gemacht worden ist: die Synagoge als Teil des Gothaer Stadtbildes und „jüdische Kultur“ als lebendigen Teil der „deutschen Kultur“. Ähnlich einer Flaschenpost hat sie, unbemerkt, in unserer Alltagssprache überlebt.

Sämtliche Schulen im Landkreis Gotha wurden deshalb im Frühjahr 2021 aufgerufen, sich an dem Teil-Projekt „Vokabeln zur jüdischen Kultur“ zu beteiligen. Es galt, im Unterricht oder in Arbeitsgruppen erarbeitete Vokabel-Begriffe wie „Bar/Bat Mitzwa“, „Hals- und Beinbruch“ oder „zocken“ einzureichen. Die Vokabeln stehen ab sofort zum kostenlosen Download bereit.

„Die Idee ist“, so Christoph Mauny von der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, „Erinnerungskultur, Sprachwissenschaft und Medienkunst am historischen Ort zu vereinen.“ Jene drei Bereiche verbinde eine „jeder noch so brutalen Realität trotzende Grundhaltung“, wie der Projektleiter erläutert: „In ihnen sind die Toten nicht tot“ – und so blieben auch die Gothaer Synagoge und mit ihr die jüdische Kultur der Stadt „real“. Die Stiftung, die unter anderem die Sammlung zur Stadtgeschichte Gothas bewahrt, wolle mit der urbanen Installation zugleich „die gesellschaftliche Rolle von Museen neu denken“.

 

Ein Projekt der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha in Kooperation mit Genius Loci Weimar, gefördert von der Thüringer Staatskanzlei im Rahmen von „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ (zur Themenseite hier). Das Teil-Projekt „Vokabeln zur jüdischen Kultur“ wird gefördert vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Rahmen des Landesprogramms Denk bunt.
In Zusammenarbeit mit der Stadt Gotha, der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, dem Staatlichen Schulamt Westthüringen sowie Schulen und Jugendlichen aus dem Landkreis Gotha.

 

 

Memory Walk – Befrage deinen Ort zu seiner Geschichte

Video-Workshop in Kooperation mit dem Anne Frank Zentrum (Berlin)


An was wollen wir gemeinsam wie erinnern? Sieben Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 13 bis 19 Jahren haben sich im Rahmen des Ferienworkshops „Memory Walk“ mit Kamera und Mikrofon in die Stadt aufgemacht, um über diese Fragen mit Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Herausgekommen sind zwei sehenswerte und bewegende Kurzdokumentationen, die ab jetzt online unter anderem auf unserem YouTube-Kanal zu sehen sind.

Das Format „Memory Walk“ basiert auf der Idee des Anne Frank Hauses in Amsterdam, junge Menschen zu ermutigen, sich aktiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust anhand der spezifischen Geschichte ihres Ortes auseinanderzusetzen. Wesentlicher Zugang für diese Auseinandersetzung ist die Frage, wie im lokalen Raum an historische Ereignisse und Entwicklungen erinnert wird und wie diese Erinnerungskultur unseren heutigen Blick auf die Vergangenheit beeinflusst.


»Memory Walk« in Gotha: Denkmal für die Synagoge


»Memory Walk« in Gotha: Gedenktafel am Bahnhof

 

Weitere Infos findet ihr im Flyer vom Anne Frank Zentrum in Berlin und auf der Webseite des Anne Frank House in Amsterdam.

Der Workshop wurde im Rahmen des Projekts 1939.2019 – Vielfalt lokaler Erinnerung des Anne Frank Zentrums umgesetzt. durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat im Rahmen des Bundesprogramms Zusammenhalt durch Teilhabe.

 

 

Behrendt Pick und die tempeltragenden Gottheiten
 

In Kooperation mit AsKI – Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V.

Um 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zu feiern, haben die Mit­glieds­institute des AsKI – Museen, For­schungs­institute und Dokumen­ta­tions­einrichtungen – ihre Archive geöffnet. Unter dem Motto „tsurikrufn!“ – dem jiddischen Wort für „erinnern“ – erzählen sie beeindruckende Geschichten von jüdischen Persönlichkeiten und ihren Beiträgen zur Kultur in Deutschland.

Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha beteiligt sich an dem großen Gemeinschaftsprojekt mit einem Beitrag über den um die Jahrhundertwende international bekannten Gelehrten Behrendt Pick (1861–1940). Über die Hälfte seines Lebens leitete Pick, dessen Doktorvater Theodor Mommsen ihn zur Numismatik brachte, das legendäre Gothaer Münzkabinett, wurde sein erster Direktor und darf mit etwa 30.000 Neuerwerbungen als eine der ganz großen Sammler-Persönlichkeiten des Friedensteins gelten. Als langjähriger Professor an der Universität Jena und Mitbegründer der Gothaer Volkshochschule hat er sich darüber hinaus um die kulturelle Bildung in Thüringen verdient gemacht.